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Libra – Auswirkungen der Facebook Kryptowährung…

… und Social Media Networks auf Blockchain-Basis im Allgemeinen.

Gerüchte in der Cryptowelt sind circa so vertrauensvoll, wie wenn meine Tochter meint, sie habe „ganz, ganz sicher ihr Zimmer aufgeräumt“. Aber diesmal war sogar etwas Wahres dran:

Update: Mittlerweile hat Mark Zuckerberg ein offizielles Statement über Libra veröffentlicht. Ich hab meinen Artikel dementsprechen adaptiert.

Dh. es hat in den letzten Wochen (aus Social Media Sicht) zwei interessante Entwicklungen gegeben, die ich mir genauer ansehen will.

1. Libra – Facebook goes „Crypto“

Facebook hat diese Woche die ersten Infos ihrer eigenen „Krypto“währung Libra veröffentlicht. Es ist aber noch kein Release, nur das Whitepaper und erste Partner. Die Gerüchte gab es schon länger, in den letzten Wochen haben sie sich aber verdichtet und nun kam das offizielle Statement.

Wie immer, wenn einer der großen Player, wie Facebook, Google, Amazon, Alibaba, Wechat usw. einen Schritt dieser Größenordnung setzt, sollte man sich das näher ansehen.

2. Der Start von Voice.com

In wie weit auch die Ankündigung von Voice.com – einem neuen Social Network auf Blockchain Basis mit eigenem Token – für Facebook eine Rolle spielt, wissen wir nicht.

Verfolgens wert ist das Voice Projekt aber schon deswegen, weil dahinter Block.one und somit Leute wie Dan Larimer, die hinter dem Social (Blockchain) Network Steemit und der EOS Blockchain stehen. Also sehr, sehr vermögende Menschen und Unternehmen mit jahrelanger Erfahrung auf dem Gebiet.

Grund genug also, sich anzuschauen,

  1. was es mit dem Facebook Coin auf sich hat und welche Auswirkungen die Einführung haben könnte. Auch für Unternehmen.
  2. und welche Chancen und Risiken Social Networks mit Blockchain-Technologie und eigener Kryptowährungen grundsätzlich mit sich bringen.

Crashkurs Kryptowährungen, Blockchain & dezentrale Netzwerke

Wer sein Frühstück mit Bitcoins zahlt, kann den nächsten Absatz überlesen und stattdessen schnell auf Coinmarketcap schauen, ob das Litecoin Halving schon kurstechnisch seinen Schatten voraus wirft 😉

Über dezentrale Netzwerke

Ich habe hier schon einmal eine Einführung bzw. über die Vor- und Nachteile von dezentralen (Sozialen)Netzwerken geschrieben.

Kurz gesagt: Bei dezentralen Netzwerken sind (viele) Computer, Server, Smartphones etc. nach keinem besonderen Schema miteinander verbunden.

Das Internet selbst ist das bekannteste und erfolgreichste dezentrale Netzwerk. Auch wenn es, siehe unten, immer zentralisierter wird.

Blockchain

Die Blockchain ist, sehr vereinfacht erklärt, im Prinzip eine dezentrale Datenbank, in der nichts gelöscht wird, sondern nur Daten (in einer chronologischen Kette) immer hinzugefügt werden.

Durch verschiedenste Technologien und dem dezentralen Ansatz gelten Daten in einer Blockchain als sicher und vertrauenswürdig.

Im Prinzip ist die Blockchain also eine Art digitaler Notar mit endlosem Gedächtnis 😊

Kryptowährungen sind eine (von vielen möglichen) Anwendungen der Blockchain-Technologie.

Als zentrale Merkmale einer Blockchain bzw. Kryptowährung werden idR. folgende Punkte genannt:

  • Dezentralität
  • Manipulationssicherheit
  • Die Mehrheit bestimmt
  • Anonym und transparent
  • Schnell & direkt

Gerüchte und News zu Libra

Es soll ein sog. Stable Coin werden:

  • Stablecoins sind oft an klassische Fiatwährungen, wie den Dollar gebunden und sollen damit nicht den starken Kursschwankungen unterworfen sein. Einer der Hauptkritikpunkte bei Kryptowährung.

Folgende Partnerfirmen sind bereits mit an Bord:

  • Darunter PayPal, Visa, Mastercard, Uber, eBay, Spotify oder Booking.com.
No photo description available.
  • Die alle Teil der „unabhängigen“ Libra Association (Sitz in der Schweiz) sind.
  • Facebook ist natürlich sehr darauf aus, alles transprarent und offen darzustellen. Deswegen wurde auch die total unabhängige Tochter Calibra gegründet. Erste Anwendung von Calibra dürfte eine App/Wallet für Whatsapp und dem FB Messenger werden.
  • Für Entwickler steht bereits die Plattform: https://developers.libra.org/ zur Verfügung. Juhu. Es gibt auch eine neue Programmiersprache: Move.
  • Somit stehen im Gegensatz zu vielen anderen Kryptowährungen sehr große, etablierte Unternehmen hinter dieser Währung…
  • Durch diese Unterstützung und die Stabilität der Währung soll es zu einer schnelleren „Mass Adaption“ kommen, als bei bisherigen Kryptowährungen.
  • Im Gegensatz zu Wechat (wo im Hintergrund noch immer mit Fiatgeld bezahlt wird, wird Libra eine „echte“ Währung sein. (Soweit man bei Währungen so ganz allgemein von „echt“ sprechen kann ;-))
  • Spannend werden noch die Auswirkung auf bestehende Währungen, Notenbanken und auch rechtliche Aspekte und Regulierungen werden.
  • Die NNZ hat mmn. erste, recht umfassende FAQs zur neuen Facebook Währung erstellt.

Libra wrid nicht wirklich dezentral :/

Nur ausgewählte Partner dürften die sog. Nodes der Blockchain betreiben:

Somit dürften nur sehr wenige der oben genannten Merkmale einer dezentralen Kryptowährung von Facebook erfüllt werden.

Das erklärt, warum ich das Wort „Crypto“ weiter oben unter Anführungszeichen gesetzt habe.

Im Gegensatz zu anderen Social Networks auf Blockchain Basis, wie z.B. Steemit, wird bei Facebook die Kryptowährung quasi zusätzlich auf die bisherigen Systeme „drauf gestülpt“, Inhalte usw. werden nicht direkt in der Blockchain erfasst.

Allgemeine Vorteile von Social Networks mit Blockchain/Crypto

  • Auslagerung von Serverlast und Kostenersparnis mittels dezentraler Netzwerke.
    • Speziell für Startups könnte das interessant sein,
    • oder bei der Entwicklung von dApps (dezentrale Apps).
    • User, die die Blockchain mitbetreiben und Transaktionen verifizieren werden ja mit ohnehin Tokens/Cryptocoins belohnt.
  • Mehr Mitbestimmung durch uns User.
    • Vorbei wären die Zeiten, wo Facebook & Co einfach so etwas an ihren Algorithmen ändert könnte.
    • Oft gibt es eine Art „Mini-Demokratie“, wo Betreiber der Blockchain über zukünftige Entwicklungen abstimmen.
  • Schnellere Transaktionen und Finanzierungsmöglichkeiten:
    • Bietet Sicherheit bei Crowdfunding Projekten, etc.
    • Micropayments z.B für das zeilenweise Lesen von Texten oder Ansehen von Videos.
  • Bei Games oder für Gamification:
    • Belohnungssysteme, Austausch von Daten, Gegenständen, Stats etc. zwischen ähnlichen Spielen mittels Tokens.
  • Hohe Transparenz:
    • Transparenzfeatures, wie sie jetzt Google oder Facebook bei Werbung von politischen Parteien einführt, ist quasi standardmäßig „dabei“
  • (Keine) Zensur und mögliche Lösungen gegen Hatespeech

Unserer Erfahrungen mit Social Networks auf Blockchain Basis

Wir haben uns einige dieser Projekte, wie Steemit, Ono, Dtube, oder Minds angesehen. Zuerst klingt alles mal sehr verlockend und interessant.

  • User vergeben statt Likes und Herzerln Beträge in Kryptowährungen.
  • Guter Content soll dadurch tatsächlich belohnt werden.
  • Spam, Scam, Hatespeech etc. werden durch die Community selbst reguliert.
  • Nicht die Plattform selbst verdient mit unseren Daten, sondern die User selbst.

In der Praxis sieht es dann leider nicht mehr so perfekt aus. Folgende Entwicklungen (positive wie negative) konnten wir beobachten:

  • Einige der oben gelisteten Vorteile, sind gleichzeitig auch Nachteile (Stichwort Transparenz und Content der nicht mehr gelöscht werden kann).
  • Wenn es zu basisdemokratisch zugeht verzögert die Entwicklung, erhöht Kosten und wird ineffizient. Viele Blockchain Projekte haben sich z.B. durch Streitereien immer mehr selbst ausgedünnt. Fairerweise muss man auch sagen, dass das dezentrale Internet erst durch zentrale Dienste, wie die Google Suche zu einem so enormen Erfolg wurde.
  • Kryptowährungen sind nach wie vor sehr weiter von der sog. „Massadoption“ entfernt, oft schwer zu verstehen bzw. zu handhaben.
  • Das schreckt viele User ab, bzw. weckt falsche Erwartungen („Ich werde schnell reich“). Ist die extrinsische Motivation bei einer Sache zu hoch (Kursgewinn bzw. -verlust) hat das langfristig eher negative Auswirkungen.
  • Abgesehen von den vielen rechtlichen und steuerrechtlichen Fragen (das wird auch für Facebook noch interessant).
  • Durch die Kryptowährung und der Mitbestimmung kommt es zu einer hohen Identifikation der User mit der Plattform (bei denen, die die Anfangsschwierigkeiten überstehen).
    • Auf zentralisierten Plattformen, wie Facebook, will jeder selbst erfolgreich sein, es ist meistens egal, wie es der Plattform geht.
  • Oft sind die Teams dieser Plattformen sehr klein. Marketing, PR, Kommunikation werden vernachlässigt.

Dazu kommen noch Probleme, wie:

  • Es gibt immer eine Gruppe, oder Firma, die ein Projekt startet,
    • Und es gibt User (Early Adopter) die durch den frühen Einstieg oft einen Vorteil haben.
  • Einerseits muss man diese Early Adopter und Fans belohnen (die ja auch das Risiko haben),
  • anderseits dürfen User, die später kommen, nicht ohne Chance zu sein.
  • Die Bindung an das Projekt ist sehr wichtig, damit es nicht nur als Spekulation benutzt wird.
  • Es darf nicht zu kompliziert sein, sonst wird es nicht massentauglich.
  • Dann gibt es noch Themen, wie Blockchain Bloat, Transaktionskosten, Geschwindigkeit, Abuse, Scam, Image usw. usw.
  • Die liebe Gier.

Was bedeutet das jetzt für „Crypto-Facebook“ oder Projekte wie Voice.com?

Beide Ansätze sind auf den ersten Blick sehr unterschiedlich, allerdings kann ich für Voice.com nur wieder Travin Keith zitieren:

„If you choose to make a decision in the „spirit of #decentralization„, the fact that you have that power to make that decision means that it’s probably not as decentralized as you think or would like it to be.“

Auch muss man bedenken, dass das größte dezentrale Netzwerk, das Internet selbst, mittlerweile von sehr wenigen Firmen beherrscht wird.

Die echte Währung, um die es geht, sind unsere Daten.

Alle großen Plattformen, wie Google, Amazon, Facebook versuchen uns möglichst lange in ihrem Hoheitsgebiet zu halten und möglichst viel zu erfahren, wenn wir uns nicht dort befinden (Trackingcodes, iOs, Android, Beacons, diverse Pixel, Like Buttons, Plugins, Embedded Videos usw. usw.)

Künstliche Intelligenzen nehmen uns immer mehr Arbeit ab (z.B. in der Onlinewerbung) und machen diese auch besser als wir Menschen, ohne dass wir eigentlich genau wissen, was die machen.

Auch der Facebook Coin Libra zielt sicher in diese Richtung.

Ziel ist es, noch umfassender zu erfahren, was wir tun, für was wir zahlen usw. Bei Wechat z.B. brauche ich ja wirklich schon nix anderes mehr.

All diese Punkte erhöhen sicher die Geschwindigkeit, sind super bequem usw. Ob uns aber langfristig bewusst ist, welchen Preis wir dafür zahlen, wage ich zu bezweifeln.

Interessant wird das Coin sicher für Länder mit instabilen lokalen Währungen (wie aktuell Venezuela).

Hier ein interessanter Ausblick von Forbes.com.

Mein Fazit zu den Entwicklungen:

  • Das Potential, dass Blockchain und Kryptowährungen viele Probleme oder negative Entwicklungen des Internets bzw. Sozialer Medien „heilen“ könnte ist sicher vorhanden. Die Möglichkeit schnellerer, direkter Käufe bietet viele coole Möglichkeiten.
  • Aber vielleicht liegt es daran, dass ich die letzten zwei Wochen mit der neuen Staffel Black Mirror bzw. Chernobyl zwei sehr düstere, dystopische Serien gesehen habe, oder an dem großartigen Talent von uns Menschen ursprünglich positive Erfindungen und Technologien möglichst negativ zu nutzen: Ob die positive Auswirkungen überwiegen, wage ich zu bezweifeln.
  • Social Network, die nur „auf einer Blockchain laufen und eine Cryptowährung haben“ und sonst keine Mehrwert bieten, werden es sehr schwer haben.
  • Durch das Facebook Crypto Engagement wird es sicher zu einer interessanten Entwicklung für die Cryptoszene kommen, was Mass-Adaption, Bekanntheit oder Usability betrifft.
  • Der Facebook Coin selbst, dürfte aber eher eine Konkurrenz für Banken und klassische Währungen werden, als für Bitcoin oder Altcoins.
  • Neue Netzwerke wie Voice.com sind grundsätzlich begrüßenswert. Im Falle von Voice.com ist die Chance eines Aufkaufs durch das dahinterliegende Budget eher gering.
  • Spannend wird auch sein, ob andere Unternehmen beginnen ihre eigenen Währungen einzuführen. Ein Amazon Coin würde sicher einiges an Spannung erzeugen 😊

Was bedeutet das für mich und mein Unternehmen?

Sie werden sich an dieser Stelle vielleicht wundern, warum jemand der in einer Digital Agentur arbeitet und mit Google, Facebook & Co auch Geld verdient, kritische Töne spuckt.

Allerdings ist es meine Überzeugung, dass man sich durchaus immer wieder folgende Fragen stellen bzw. diese Punkte beachten sollte:

  • First-Party Data – Die eigenen Daten sind wichtiger, als je zuvor.
    • Achten sie auf die eigene Website, das korrekte Tracking, nutzen Sie die Möglichkeiten die ihr CRM bietet (falls sie noch Excel als „CRM“ Tool haben, kaufen Sie sich eine Zeitmaschine)
    • Achten Sie aber auch darauf wo die Daten dann liegen.
  • Es gibt zu jedem Tool und zu jeder Plattform Alternativen. Vor- und Nachteile und die eigene Bequemlichkeit müssen abgewogen werden.
    • So gibt es z.B. im europäischen Raum Anbieter wie Adform (in der Welt des Programmatic Advertisings, DMPs und DSPs) die (noch) unabhängig sind und sich sogar an DSGVO Richtlinien halten.
  • Eine zu große Abhängigkeit ist mmn. immer zu hinterfragen.
  • Achten Sie darauf welcher Anbieter zu welchem Unternehmen gehört. Da gibt’s oft Überraschungen, Aufkäufe inklusive.
  • Recherchieren und überlegen sie genau, welche Tools (Analyse, Tracking, CRM etc.) sie verwenden und wann sie wo, wem, welche Daten für wie lange geben.

Wir sind keine „Plattform-Jünger“, die das „Google/Amazon/Facebook Unser“ brav runterbeten, sondern werfen immer wieder einen kritischen Blick auf diverse Entwicklungen und Features.

Viele Unternehmen nutzen ihre eigenen Daten auch zu wenig, bewegen sich in diversen Datensilos, erhöhen dadurch die Abhängigkeit und lassen Potential ungenützt.

Keine Frage: Alle großen Plattformen sind wichtig, bieten tolle Tools und Möglichkeiten (von Analyse, über Attributionstools, über Tracking usw.). Allerdings: Risikostreuung ist ja immer eine gute Idee, nicht nur bei Social Networks ;-)

Quellen Facebook Crypto & Voice.com

Rating: 5.0/5. Von 2 Bewertungen.
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Kommentare

  • Danke für den Einblick in Deine Meinung. Freue mich schon auf unser nächstes Gespräch in der Küche, vielleicht sogar mit Kamera ;)

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    • Hallo Fremder! Vielen Dank für dein Kommentar. Du erinnerst mich sehr an einen Kollegen (allerdings ohne Bart). Bernd. BROgrammatic Head.

      Antworten

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